7. März – Berlin

Der Elbbogen vor Laubegast zieht wieder sein Bilderbuch-Ding ab. Der Fluss ist hier breit, breit genug um Strom genannt zu sein und nicht wie sonst zwischen den Wiesen, weiß, zur Bedeutungslosigkeit zu schrumpfen. Fähre Erna wie ein tapferes Spielzeug gegen die Strömung. Links die Hänge, der Fernsehturm hier nicht im Blickfeld, gehört aber doch zum Ensemble in meinem Kopf. Wie so oft hängt der Nebel hier fest, Daraus erhebt sich, eine Ahnung nur, die ferne Silhouette des alten Dorfkerns, ein wenig bieder und ein wenig trotzig genau wie seine Bewohner, während der grauweiße Strom daneben mit den weißen Wiesen und dem weißgrauen Himmel zu einem unerreichbaren Horizont verschmilzt.

Ich verabschiede mich von meiner Familie. Ich glaub’s selbst nicht, dass es losgeht, aber es geht. Die letzten Nächte kaum geschlafen, unruhig, immer wieder neue Ideen von Dingen, die katastrophal schiefgehen können. Von Tschechien Sturm und Schnee, keine gute Zeit für meine Richtung, ich fahre Richtung Berlin, Familie besuchen und eventuell dem Iran-Visum in den Hintern treten.

Die preiswerten Hostels ballen sich an der Görlitzer, Graffiti, Junge Alternative und Drogenhändler, Maghreb Endstation, Don Alfonso hat sie von Ferne fotografiert, ein halbes Lächeln und ein albes Kopfschütteln und sie lassen Dich in Ruhe.

Junge Leute brauchen nicht viel Platz, nur WLAN.

Im Hausdurchgang, am Eingang zum Hostel, malt jemand ein buntes Bild an die Wand. Mütze und Kopfhörer isolieren sie – ihn – sie – vollständig vom Kommen und Gehen und Schlagen der Türen. Ich sehe eine Weile zu, wie sich Fläche um Fläche füllt, die Buchstaben für den Text werden in geduldiger Skalpellarbeit aus dem Abklebband ausgeschnitten. taliabenabu.com

Ich besuche Potsdam – hübsch wie versprochen, das Holländerviertel ist natürlich das Aushängeschild: kleingieblige Backsteinbauten mit mäßig befahrenen Pflasterstraßen und kleinen Geschäften: „Gitarrenbauer und Antiquariat“ teilen ich ein Häuschen, Kinderläden und -garten. Ein laden voller Garnrollen.

Die Flaniermeile, Nauener Stadttor statt Arc de Triomphe, mit raffinierten Seitenstraßenblicken auf die eklektizistische Peter-Paul-Kirche und die kapitol-ähnliche St. Nikolai, leider wie üblich von Speis und Trank dominiert, aber immerhin reichlich experimentell. Viele Hinterhöfe, manche mit elitären Geschäften und kuscheligen Galerien, andere sind einfach nur da und wollen bestaunt werden. Der Luxus hat seinen Preis, wenn man nicht im Neubaublock im armen Süden leben will, sind die Mieten mit dem, was früher ehrliche Arbeit hieß, nicht mehr zu bezahlen.

Internationale Führerscheine laufen ab, zum Glück ist die typische Bearbeitungsdauer „sofort“. Google findet einen Fotofix, dem ich einen Satz schreckliche Bilder entlocke. Einen Termin bekomme ich innerhalb von 30 Minuten. Ich beobachte ehrfurchtsvoll den Vorgang der Verwandlung einer Massendrucksache in ein offizielles Dokument: Eingabe von reichlich Daten, Bestätigung durch den Antragsteller, Druck mit dem unvergänglichen Quietschen eines Nadeldruckers, Ausstanzen des Passbilds per passendem Gerät, Einkleben, Stempel Unterschrift auf der Vorderseite, Stempel für die zulässigen Gefährte, Lochstanzen der nicht gestempelten Felder mit einem weiteren Gerät, Unterschrift des Delinquenten.

Ich besuche Manfred und Regina, die einst Onkel und Tante hießen, ein fast schon Überraschungsbesuch, ohne mehrtägige Vorbereitungszeit ein für die Familie Marx fast unerhörter Vorgang, in einer Bäckerei schnappe ich mir noch eine halbe Mohnlänge, dass ich nicht ganz mit leeren Händen vor der Tür stehe, auch wenn der niemals mit dem Kuchen der Hausherrin mithalten könnte.

Ein einst weitgehend selbst ausgebauter Bungalow in der Schönefelder Einflugschneise. Von neuem und zu erwartendem Bauboom eingekreist. Klein, verwinkelt, liebevoll eingerichtet, mit Garten, der seine mir von Bildern bekannte Pracht erst in wenigen Wochen entfalten wird, den wüstenden Wildschweinen zum Trotz, ich bin mir sicher. Kaum Hinweise auf die einstmaligen internationalen Arbeitsplätze, man würde eher erwarten, dass die beiden nie auch nur die andere Seite des Landes gesehen haben – welch ein Irrtum.

Ich bin das erste Mal hier, Familientreffen sind bei uns zwar regelmäßig aber weder häufig noch mit offenem Ende. Es ist nicht so viele Jahre her, das die Geschwister überhaupt angefangen haben, über ihre gemeinsame Zeit, ihre Kindheit und Jugend sprechen.

Kein Fortschritt beim Visum, und das Wetter im Süden hat sich gebessert, ich breche auf. Jetzt wirklich.

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