9. März – Wien

Ich fahre Landstraße, über (grob) Cottbus und Hoywoy. Die Brandenburger Landschaft, im Sommer ein Traum, ist aus dem Winterschlaf erwacht, aber noch nicht frühlingshaft hergerichtet. Die Alleenbäume noch nackte Skelette, wenn die Sonne sich manchmal durch die grauen Wolken tastet, sehen sie noch toter aus.

Weiter im Süden wird die Landschaft hügeliger, was zu meinem Bild von Heimat gehört. Hinter der tschechischen Grenze, wie Q sagte: sogar der Wald nicht so akkurat. Inseln der heimeligen Perfektion, und einen Hügel weiter Industrieruinen.

Übernachtung in Motel, vor Brno.

10.3.2018: bis Wien. Hostel in Huttendorf, auf große Sommerkinderbusladungen eingerichtet, jetzt unterfüllt. Spätnachmittags noch in die Stadt, auf dem U-Bahn-Netzplan scheint mir Karlsplatz vielversprechend. Ich bummle durch das metropole Zentrum, namenhafter Klimbim, multinationaler Tourismus, das man in Wien ist, erkennt man am Fiaker. Die Besucher stehen an Würstelbude und Hot Noodles Schlange als gäbe es Apfelsinen.

Dann doch noch etwas, das für mich nur in Österreich, vielleicht gar nur in Wien geht: Samstag abend, auf der Touristenschlenderprachtmeile, direkt vor dem Dom, wird ein Film gezeigt: Enthüllungsskandal österreichische Schlachthöfe. Detailreich und gnadenlos. Eine Polizeistreife steht bereit, außerdem, vermute ich, haben einige der herumkreisenden Stiernacken ein Auge auf ihre Flyer-verteilenden Veggie-Mädels.

Zur Abendgestaltung bietet sich ein Jazz-Cafe an, passende Location, aber aufgrund der hochkarätigen Musikanten voll. Also raus in den Gürtel, wo im Krimi der Mord geschieht oder der Komissar nochmal rausfährt. B72, Traditionsklub im Brückenbogen des Stadtbahnrings, immerhin haben hier die Goldenen Zitronen bereits aufgespielt. Die damit verbindbaren Erwartungen erfüllt der Klub durchaus, sogar kleiner als gedacht, verqualmt, schrammelpunkrockig. Mein Ding. Nach Absackerbier (Centimeter VII) penne ich in der U-Bahn fast ein. Glücklich und Zufrieden.

Wien macht nicht „Klick“.

Zieht man die Metropolenstandards mit Lokalkolorit ab, bleibt eine durchaus charmante, ansehnliche, funktional multinationale, lebendige und lebenswerte Stadt, aber, so mein jetziger Stand, die von verschiedenen Seiten an mich herangetragene Faszination kann ich nicht nachvollziehen. Gut, andere Städte haben auch lönger gebraucht. Tiergarten Schönbrunn. Palmenhaus in Stahlgerüst-Glas-Architektur, erinnert mich an Bioshock. Videospiele als Architekturreferenz.

Die „jungen Leute“ sind an ihren Telefonen festgeklebt, dort finden ihre ganzen Kontakte statt, sie sind gar nicht richtig hier. Abgewandte Gesichter, kein Gruß, nirgends.

Wer redet, hallo sagt, woher – wohin fragt: die Wanderarbeiter. Luis, Zimmermann, Ungar, hat sich vor kurzem im Burgenland angesiedelt, arbeitet aber mal hier, mal da, aber gern länger an einem Ort. Francisco, Kellner, hält das Wetter in Deutschland nicht mehr aus und nicht die Leute in Österreich, will zurück nach Spanien. Thomas, der nix gegessen und zu viel getrunken hat und sich kaum gerade halten kann, Francisco hat ein Auge auf ihn, sagt: guter Junge.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.